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Lofoten
Küche - unvergesslich
DIE LOFOTKÜCHE IST BESSER ALS IHR RUF. MAN
MUSS SICH NUR ZU HELFEN WISSEN.
ZUGEGEBEN,
der erste Supermarktbesuch konnte etwas verwirrend sein. Tiefkühlgerichte,
so weit das Auge reicht. Gefrostetes Fleisch zu Schwindel erregenden
Preisen. Nach Karamell schmeckender Ziegenkäse. Blutpudding
oder Lungenmus, selbst für manche Norweger gewöhnungsbedürftig.
Da verließ man lieber gleich den Supermarkt und suchte mit
knurrendem Magen das nächste Restaurant auf. Falls es eins
in der Nähe überhaupt gab. Mit umgerechnet 13,- Euro
für einen Teller Suppe war die Urlaubskasse allerdings nach
einer Woche dann doch ziemlich strapaziert. Hätte man bloß gewusst,
wäre man gleich nach Italien oder Frankreich gereist...
Bis vor wenigen Jahren keine seltene Erfahrung. Inzwischen haben sich
die Supermärkte den Bedürfnissen der Touristen angepasst. Besonders
gut sortiert ist Mega-Coop beim AMFI in Svolvær. Salatbar, Aufschnitts-,
Frischfleisch- und Frischfischtheken, auch Exotisches; von Zitronengraß über
Sushi bis zu blauen Kartoffeln aus Kongo. Wer allerdings gern mit typischer
Küche eines Gastlandes experimentiert, der findet auch in anderen
Supermärkten mit teilweise unbekannten Fischprodukten eine kleine
Goldgrube. Denn Lofoten und Fisch gehören zusammen.
EINER VERSUCHUNG WERT.
Bevor Sie also für ein Beefsteak tief in die Tasche greifen
müssen, probieren Sie Einiges wesentlich günstigeres
aus der Lofotenküche. Reichlich vertreten, wenn auch für
Touristen manchmal erst auf den zweiten Biss genussvoll ist natürlich
Fisch in jeder Version; typische Fleischgerichte wie Lamm mit Kohl
sind zwar ordentlich, jedoch keine Entdeckung für den Gaumen.
Ein Kenner beginnt seine Supermarktreise bei sild (Hering). Zu jeder
Tageszeit gegessen - Frühstück inklusive – gibt es ihn
mittlerweile in unterschiedlichsten Geschmacksvariationen. Vom kremet-
(Sahne) über sur- (Sauer), pepper- (Pfeffer), løk- (Zwiebel),
krydder- (Kräuter), sennep- (Senf), karri- (Curry) bis madeirasild:
eine Kostprobe lohnt auf jedem Fall! Weiter geht’s: bei fiskepudding
(Fischpudding) und fiskekaker (Fischfrikadellen) dürfte man keine
beflügelnden Erlebnisse erwarten; fiskeboller (Fischklopse)
dagegen sind einer Versuchung wert. In Weißsoße mit Muskatnuss
und Karottensalat serviert können sie zu einer überraschenden
Delikatesse werden. Wer nach lokaler Rarität sucht, der soll bei torsketunger (Dorschzungen)
zugreifen, die sich selbst in französischen Gourmetrestaurants großer
Beliebtheit erfreuen. Nach uraltem Lofotenbrauch war ursprünglich
das Herausschneiden von torsketunger der Jugend vorbehalten, für
den Geldbeutel und als Vorbereitung für späteren Fischerberuf.
Nachdem sich das Geschäft als lukrativ erwiesen hat, nahmen die
Fischer es wieder an sich. Wir haben ein Kochrezept beigefügt, allerdings
nicht aus Paris sondern aus eigener Küche. Am besten ausprobieren
und selbst entscheiden!
DER
KERN DER TRADITIONELLEN LOFOTKÜCHE bleibt nach wie
vor der berühmte Stockfisch,
tørrfisk. Auf pyramideartigen Holzgestängen - hjell
- zum Trocknen aufgehängt, wird der Kabeljau, seltener auch
andere Fischsorten, zwölf Wochen lang der Sonne und dem
Wind ausgesetzt. Vom Februar bis Mai, in der Periode der Stockfischherstellung,
begegnet man ihm am nahezu jedem Inselflecken, in Begleitung
eines ziemlich intensiven Fischgeruchs. Im Laufe der Jahrhunderte
wurden mehrere Varianten von Trockenfisch entwickelt, unter anderen
grätefreier Klippfisch,
klippfisk, gepökelt in Salzlagen und zum Trocknen auf den
Klippen platziert. Tørrfisk dagegen wird ohne Salz ausschließlich
durch Sonne und Wind konserviert; zusätzlich schützen
Schnee und Kälte vor Insekten und Bakterien. Im Mittelalter
war Salz eine kostbare Ware. Das Fischsalzen verbreitete sich
erst im 17. Jahrhundert, nach dem Zugang zu billigen Salzquellen
in Südeuropa. Trockenfisch aus den Lofoten bildet Basis
vieler kreativer Fischgerichte in mediterranen Ländern,
hauptsächlich in Italien und Kroatien. Allein von Bacalao
soll es über 2.000 Variationen geben; auf den Lofoten hat
hierfür jede Hausfrau ihr eigenes, streng gehütetes
Familienrezept. Ein kleiner Tipp für Stockfischtester: die
eingeschweißten Probierportionen, die es fast in jedem
Laden gibt, schützen zwar vor Fischgeruch, sind dafür
aber absolut geschmacksneutral. Fragen Sie lieber die Einheimischen,
fast jeder hat seinen eigenem tørrfisk-Vorrat; für
viele bleibt der Dörrfisch nach wie vor der beste Leckerbissen
für zwischendurch.
NUR FÜR EXPERIMENTIERFREUDIGE zu
empfehlen ist lutefisk, gelaugter Kabeljau. Diese exotische
Stockfischvariante stellt eine traditionelle Speise des Nordens
dar - ausgenommen Dänemark - und wird in einem besonderen
Behandlungsprozess mit Lauge (lut) aus tørrfisk oder
klippfisk gewonnen. Der Trockenfisch bleibt 5- bis 6 Tage
lang im kalten Wasser eingeweicht, mit täglichem Wasserwechsel;
danach weitere 2 Tage in einer speziellen Lauge. Während
dieser Behandlung schwellt er um mehr als seine ursprüngliche
Größe an, gleichzeitig reduziert sich sein Proteininhalt
um 50 % - das gibt ihm die charakteristische Konsistenz.
Nun hat der Fisch einen PH-Wert von 11-12 und ist giftig.
Erst ein wiederholtes Einweichen im kalten Wasser für die nächsten
10 Tage entzieht das Gift und macht ihn essbar. Als traditionelle Speise
wird lutefisk oft zu Feiertagen, auch zu dem so genannten Kleinem Heiligenabend
am 23. Dezember mit geröstetem Bacon, braun gebratenen Zwiebeln,
Erbsenpüree, gekochten Mohrrüben, gesalzenen Erdnüssen
und Sirup gegessen.
Wem jedoch die traditionelle Lofotküche etwas
zu abenteuerlich ist, für den wird schlichter gekochter Kabeljau
mit Salzkartoffeln oder gegrillter Lachs immer noch ein Toppgenuss
bleiben. Aus dem Meer direkt auf den Teller - frischer geht’s
einfach nicht. God apetitt!
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